Wieder Skifahren nach Kreuzbandriss – Wann ist der optimale Zeitpunkt?

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Das Knie ist im alpinen Skisport sehr hohen physikalischen und mechanischen Belastungen ausgesetzt und damit prädestiniert für Sportverletzungen. Dies zeigt sich an einer anhaltend hohen Anzahl von Knieverletzungen auf der Piste. Die Fédération Internationale de Ski (FIS) gibt an, dass das Kniegelenk mit durchschnittlich 35,6% aller Körperteile am häufigsten von Verletzungen betroffen ist. Ganz oben auf der Top-Knieverletzungsliste steht der vordere Kreuzbandriss (VKB) mit anteilig 38% [2]. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wann wieder Skifahren nach Kreuzbandrissen? Gibt es den richtigen Zeitpunkt?

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Ursachen für Verletzungsrisiko beim Skifahren oder Snowboarden

Darüber hinaus zeigte die Studie des französischen Skiverbandes, dass bei 100 Skirennfahrern, die Häufigkeit einer Wiederverletzung des vorderen Kreuzbandes im gleichen Kniegelenk bei 19% lag. Die Kreuzbandriss Verletzungsrate der anderen gesunden Knieseite betrug sogar 30,5%. Dabei wurde kein Unterschied zwischen den Geschlechtern gefunden [3].

Diese Studiendaten belegen eindrucksvoll, dass einerseits eine hohe Gefährdung des Kniegelenks beim alpinen Skirennsport besteht. Andererseits sind bereits am vorderen Kreuzband verletzte Ski(renn)fahrer einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt als Unverletzte.

Als Ursachen für erneute Kreuzbandrisse im Skisport gelten:

  • Persönliche Risikofaktoren, die in der Person Skifahrers liegen (Intrinsische Faktoren, wie Unsicherheit, Angst, Ermüdung, verminderte Muskelkraft nach dem ersten Kreuzbandriss etc.)
  • Funktionelle Defizite in Folge der Kreuzband-OP, ggf. kombiniert mit den genannten intrinsischen Risikofaktoren.

Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass besonders im professionellen Skirennsport, die auf das Kniegelenk einwirkenden Kräfte derart sehr hoch sind, dass auch das Verletzungsrisiko eines Ski- oder Snowboardfahrers ohne vorangegangene Kreuzbandverletzung hoch ist.

Wie das Kreuzband beim Skifahren reißt

Wieder Snowboarden nach dem Kreuzbandriss?

Wieder Snowboarden nach dem Kreuzbandriss?

Die im alpinen Skirennsport am häufigsten auftretenden Verletzungsmechanismen für eine vordere Kreuzbandverletzung sind:

  • Slip-Catch
  • Dynamic Snowplow“-Mechanismus
  • Landung nach einem Sprung mit einer kurzfristig bestehenden unkontrollierten Rücklage des Skifahrers. Dies verursacht eine Quadrizepsaktivierung und damit eine ungewöhnliche Translation der Tibia (Schienbeinkopf) [1].

Weshalb medizinische Untersuchungen für eine sichere Rückkehr im Skisport nicht ausreichen

Im Amateursport wird die Rückkehr zum Sport nach einer Kreuzband OP hauptsächlich auf der Grundlage von klinischen Tests empfohlen. Diese medizinischen Untersuchungen prüfen in der Regel:

  • eine subjektive Beschwerdefreiheit
  • eine Reizfreiheit im Knie
  • ein freies Kniegelenk mit voller aktiver Beweglichkeit („Range of Motion“, ROM)
  • eine Kniestabilität (Lachman-Test negativ, „Pivot-shift“-Test etc.)
  • ein adäquater Muskelaufbau mit einer Umfangsdifferenz von weniger als 1 cm zur gesunden Seite
  • bildgebende Magnetresonanztomographie (MRT) zur Beurteilung der vorderen Kreuzbandplastik (Einheilungszustand bzw. „Remodeling“-Prozesses)

Doch alle erwähnten und zweifelsohne wichtigen Voraussetzungen sind rein statischer „Natur“. Die entscheidenden Faktoren, auch für den „normalen“ Skifahrer, bleiben oftmals bei der ärztlichen Kontrolluntersuchung unberücksichtigt:

  • die extrem auf das Kniegelenk wirkenden Scherkräfte beim schnellen Skifahren
  • sämtliche dynamischen Belastungen auf das Kniegelenk bei Sprüngen und Landungen
  • die Reaktionszeiten bei unvorhersehbaren Ausgleichsbewegungen
  • die sonstige körperliche Fitness und Kondition.

Was sichert die Rückkehr zum Sport nach einem Kreuzbandriss?

Die Rückkehr zum Ski- oder Snowboardfahren („Return to Ski“ bzw. „Return to Sports„) läuft nach meinem ganzheitlichem Reha-Verständnis und Fachwissen idealerweise folgendermaßen ab:

Reha Prozess und wann wieder Skifahren nach Kreuzbandriss OP

Reha Prozess nach Kreuzbandriss OP und die sichere Rückkehr zum Skifahren | Foto: knie-marathon.de

Wann wieder Skifahren nach Kreuzbandriss?

Im Grundsatz bedeutet das beschriebene Modell für den Ski- oder Snowboardfahrer, wenn nur eine der genannten Voraussetzungen fehlt, steigt sein Risiko für den zweiten Kreuzbandriss (auch im gesunden Bein). Mir ist es wichtig an dieser Stelle klar zustellen, dass der ehemals verletzte Skifahrer technisch in der Lage ist, Ski zu fahren – nur eben sein Risiko für eine Wiederverletzung am Kreuzband ist höher.

Damit orientiert sich der optimale Zeitpunkt für die Rückkehr zum Skisport nach einer Kreuzbandverletzung:

  • An der Biologie des Körpers: Heilungs- und Umbauprozess der neuen Kreuzbandplastik.
  • An der Kreuzband-Reha: Progressive Aufbau und Trainingsinhalt und -form.

Vom biologischen Standpunkt aus, benötigt der Körper Zeit zu Heilung. Die transplantierte „tote“ Sehne muss wieder an die körpereigene Blutversorgung angeschlossen werden. Ebenso findet ein Umbau der Zellstrukturen innerhalb der transplantierten Sehe statt. Dies hat zur Folge, dass die Kreuzbandplastik innerhalb eines Jahres an ihrer Reißfestigkeit erstmal massiv abnimmt, um später nach der Umbauphase wieder sehr reißfest zu werden. Kurzum die Kreuzbandplastik ist im ersten Jahr: „Under constrution!“, was der Betroffene selber nicht spürt.

Wie sichert der Freizeitsportler seiner Rückkehr auf die Piste?

Ein Transfer der funktionellen Testung vom Profi- in den Skifreizeitsport wäre äußerst sinnvoll und wünschenswert. Allerdings sehe ich derzeit weder im klinischen Alltag (Zeit- und Kostendruck) noch und unter gesundheitsökonomischen Aspekten in absehbarer Zeit eine realistische Chance.

Zwangsläufig muss beim Freizeitsportler die Eigenverantwortung in der Kreuzbandriss Reha an erster Stelle stehen; dies gilt auch für das Präventionstraining gegen den erneuten Riss am Kreuzband. Viele Betroffene sind verständlicherweise damit überfordert. Deshalb habe ich verschiedene E-Books zur VKB- und Meniskus-Rehabilitation geschrieben. Im Shop gibt es auch ein spezielles Buch mit dem Titel: „Rückkehr zum Sport nach vorderen Kreuzbandverletzungen„. Das empfehle ich allen Sportler (unabhängig von der Sportart), die ihre Leistung verfolgen möchten und mehr Sicherheit bei der Sportrückkehr nach einer Knieverletzung wünschen. Das Prinzip in allen Reha-E-Books lautet: Jede Stufe muss in sich erfolgreich abgeschlossen werden, bevor die nachfolgende Reha-Phase begonnen werden kann. Wichtig: Alle Knie-Tests sind ohne zusätzliche Geräte durchführbar.

Progressiver Reha-Phasen Aufbau nach Kreuzbandriss

Dies ermöglicht auch dem Freizeit-Skifahrer seinen Reha-Verlauf zu optimieren und die Rückkehr zum Sport sicherer zu gestalten. Details dazu mit den jeweiligen Tests, findest du im E-Book:

Stufe 1: Return to Activity

  • Wiederaufnahme körperlicher und verschiedener sportlicher Aktivität, jedoch ohne skispezifisches Training (bis etwa 12.Wochen postoperativ).
  • Quasistatische einbeinige Tests („Y-Balance“-Test, sowie ein- und beidbeinige Kniebeugeposition) unter Berücksichtigung der freigegebenen ROM.

Stufe 2: Return to Sports

  • Wiederaufnahme sportlicher und skispezifischer Aktivität, jedoch ohne Skifahren auf der Piste (ab 3. bis 9. Monat postoperativ).
  • Die Testung aus der ersten Stufe wird zunehmend in eine dynamische Testung überführt. Als relevanter Vergleichsparameter wird der Seitenvergleich herangezogen. Video- oder Fotodokumentation erleichtern die eigene Auswertung, um die Gelenkwinkelstellungen selbständig zu beurteilen.

Stufe 3: Return to Ski-Competition

  • Wiederaufnahme des Ski(wettkampf)-spezifischen Trainings (ab etwa 9. bis 12. Monaten postoperativ). Bereits in dieser Phase beginnen die Profi-Skifahrer unter Anleitung mit dem sogenannten „therapeutischen“ Skifahren.
  • Die Steigerung der Testbatterie wird durch einbeinige Sprungkombinationen mit Agilitätsmessungen komplettiert.

Wie die Profi-Skifahrer nach der Kreuzband-OP durchstarten

Die Profis im Abfahrtsport beginnen ihr erstes Skitraining nach dem VKB-Riss früher als der Freizeitsportler. Nach etwa 6 Monaten starten die Wettkampffahrer mit dem erwähnten „therapeutischen Skifahren“. Dabei wählen sie ebene und präparierte Ski-Hänge mit nur geringer Neigung aus und führen erste sensomotorische Übungen auf dem Ski aus. Das Ziel des „therapeutischen Skifahrens“ besteht darin, ein sportartspezifisches Koordinationstrainings zur Verbesserung der Ansteuerung der Muskulatur und der intermuskulären Koordination zu absolvieren. Zunächst übt der Profi bei geringem Fahrtempo die Grundformen des alpinen Skifahrens: Kanten, Belasten, Steuern.

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Fazit: Wann wieder Skifahren nach dem Kreuzbandriss?

Für ein erfolgreiches und anhaltendes „Return to Ski“ bedarf es der multimodalen Überprüfung des Reha-Prozesses, der neben klinischen und leistungsdiagnostischen Gesichtspunkten auch funktionelle Knie-Tests beinhaltet. Im Klartext, wenn dein Arzt dich auf der Untersuchungsliege untersucht und sagt: „Alles OK!“ – dann bedeutet dieser Satz lediglich, dass die Hauptarbeit vor dem ersten Skifahren noch vor dir liegt.

Der Arzt berücksichtigt bei seinen Untersuchungen nur das operierte Kniegelenk. Nicht berücksichtigt werden die psychologischen Faktoren für eine sichere Rückkehr. Doch das eigene Mindset und damit deine innere Verfassung sind mitunter genauso wichtig evtl. sogar entscheidender.

Nehmen wir als Beispiel das Elfmeter-Schießen im Fußball: Der Elfmeterschütze verschießt den Elfer, wenn er während des Schusses denkt: „Was passiert, wenn ich verschieße?“. Das Gleiche Prinzip läuft ab, wenn du auf der Piste denkst: „Was passiert, wenn ich falle?

Unsere Gedanken wirken im Körper und erzeugen damit Realitäten – wäre dies nicht der Fall, dann würden Menschen über traurige Filme nicht weinen. Erstaunlicherweise funktioniert dieses psychologische Gesetz, obwohl wir wissen, dass sich um einen Film handelt. Dies ist in der Tatsache begründet, dass unser Gehirn, nicht zwischen „realen“ und „nicht-realen“ Gedanken unterscheiden kann. In unserem Körper fühlen sich Fiktionen im Kopf, wie erlebte Realität an. Hier schließt sich der „innere Kreis“ – weil wir etwas denken oder befürchten, passiert es tatsächlich – siehe Elfmeter-Schütze.

Quelle

[1] Bere T, Florenes TW, Krosshaug T et al (2011) Mechanisms of anterior cruciate ligament injury in world cupalpineskiing: asystematic videoanalysis of20cases.AmJSportsMed39:1421–1429

[2] Florenes TW, Nordsletten L, Heir S et al (2011) ecording injuries among World Cup skiers and snowboarders: a methodological study. Scand J MedSci Sports 21:196–205

[3] Pujol N, Blanchi MP, Chambat P (2007) The incidence of anterior cruciate ligament injuries Arthroskopie 1 · 2016 11 among competitive alpine skiers: a 25-year investigation.AmJSportsMed35:1070–1074

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