Stabilisierung der Kniescheibe mittels MPFL-Plastik

0

Eine Operation am MPFL (mediale patellofemorale Ligament) oder MPFL-Plastik folgt, wenn das Herausspringen der Kniescheibe (Patella) schwere Schäden an Bändern, am Knochen oder am Kniegelenkknorpel verursacht hat.

MPFL-Ersatz für eine stabile Kniescheibe

Das MPFL-Band ist der wichtigste passive Weichteilstabilisator der Patella und zerreißt häufig beim Herausspringen der Kniescheibe aus ihrem Gleitlager (Trochlea). Der Kniescheibe fehlt nach der Ruptur des MPFL die stabilisierende Funktion des medial verlaufenden Bandes. Die Folge sind häufige wiederkehrende Patellaluxationen (Re-Luxation). Besonders jungen und aktiven Patienten rät der Arzt nach der zweiten oder dritten Kniescheibenluxation zum MPFL-Ersatz bzw. MPFL-Plastik.

In der Vergangenheit versuchten die Ärzte, die Stabilität der Patella durch knöcherne Korrekturen oder Spaltung der lateralen Kapsel (laterales Release) zu verbessern. Heute kommt hauptsächlich die MPFL-Rekonstruktion zur Anwendung.

Operation am MPFL-Band

Bei der akuten Kniescheibenluxation besteht entweder die Möglichkeit das MPFL zu nähen (MPFL-Naht) oder ein MPFL-Ersatz mittels einer Bandplastik (MPFL-Plastik) einzusetzen. Zusätzlich werden sämtliche Begleitschäden am Knochen- und Knorpel soweit möglich mitversorgt bzw. refixiert.

Eine MPFL-Naht macht nur bei exakter Lokalisation der MPFL-Ruptur (Abriss) und guten restlichen Bandverhältnissen Sinn. Bei einer angeborenen oder habituellen Luxation der Patella wird die MPFL-Plastik in einer Operation arthroskopisch eingesetzt.

Die operative Behandlung einer instabilen Kniescheibe mittels lateralen Retinakulumspaltung bzw. Kapselraffung (engl. laterales Release), Versetzen der Tuberositas tibia sowie eine Trochleaplastik sind sehr selten. Eine Empfehlung für einen solchen Eingriff am Kniegelenk gehört vom Patienten intensiv abgeklärt und die MPDL-Operation sollte nur von sehr erfahrenen Kniechirurgen durchgeführt werden.

MPFL-Rekonstruktion und OP Technik

MPFL-Pastik bzw. MPFL-Ersatz OP

MPFL-Pastik bzw. MPFL-Ersatz OP | Foto: knie-marathon.de

Die Literatur beschreibt bei der MPFL-Rekonstruktion eine Vielzahl an operativen und minimalinvasiven Techniken mit unterschiedlichen Methoden zur Verankerung der MPFL-Plastik im Knochen. [1], [2] ,[3], [4].

Das Grundprinzip der MPFL-Ersatz OP liegt darin, dass der Kniechirurg als Bandersatz eine Kniebeugesehne (Gracilissehne) entnimmt, die Bohrkanäle anlegt und anschließend die MPFL-Plastik an der Kniescheibe und dem Oberschenkel (Femur) befestigt.

Bei der Befestigung (Fixation) der MPFL-Plastik unterscheiden sich implantatfreie Verfahren (Verknüpfung der Fadenenden) oder Techniken unter Verwendung von Fremdmaterial, die mittels resorbierbaren Implantaten (sogenannten Bio-Ankern und Schrauben) die MPFL-Plastik fixieren.

Erfahrungen nach MPFL-Plastik – Gino (3)

Gino hatte in seiner Vergangenheit schon zweimal operativ versucht, seine instabile Kniescheibe zu stabilisieren. Das laterale Release (Retinakulumspaltung – Gino 1) und die Versetzung der Tuberositas tibiae (Gino 2) hatte bei ihm zur Folge, dass seine Kniescheibe nicht mehr einwandfrei in ihrem Gleitlager verlief. Seitdem kämpfte Gino mit ständigen Luxationen seiner Patella.

Im Mai des Jahres 2001 stand bei Gino das Entfernen des Fremdmaterials (Schrauben der Tuberositas tibiae Medialisierung) an und die Überprüfung des Knorpelwachstum als Resultat seiner Knorpeltransplantation. Die Kniearthroskopie verlief nach Plan und alles schien in Ordnung.

Doch seine Schmerzen im Kniegelenk blieben und so verbrachte Gino das nächste Dreivierteljahr auf Unterarmstützen. Im November 2001 wurde daraufhin sein Knorpel geglättet.

Doch auch diese Knieoperation half nicht – Gino spielte kein Fußball, er fuhr keine Radrennen, und auch sein Fitnesstraining machte aufgrund der Schmerzen keinen Spaß.

Auf Empfehlung seines Orthopäden ging Gino zu einem bekannten Kniespezialisten. Dieser Mediziner begleitet ihn bis heute.

Bei dieser ersten Untersuchung erschien Gino auf Gehstützen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er sich nur noch mit hochdosierten Schmerzmittel durch den Tag „kämpfen“. Nach reiflicher Überlegung erfolgte im August 2003 eine Knie-Arthroskopie mit einer Kapselraffung.

Anschließend kam der Sportmediziner auf Gino zu und eröffnete ihm, dass sein Knie sehr stark geschädigt wäre, außerdem hätte er einen vorderen Kreuzbandriss erlitten. Der Riss im Kreuzband wurde zu diesem Zeitpunkt nicht operativ versorgt.

Im Dezember 2003 widmete sich der Arzt erneut dem rechten Oberschenkel (Auswirkungen aus der OP vom Jahr 1994). Ginos Muskel war nicht optimal verheilt – doch die Oberschenkelmuskelfunktion ist essentiell für die Stabilität des Kniegelenks. Im gleichen Jahr wurden auch die  Vernarbungen und Verwachsungen im Knie operativ gelöst.

Es folgten drei Jahre Operationspause. Gino hatte einen neuen Job angetreten. Seine Kniebeschwerden waren minimal.

Im Winter 2006 rutsche Gino auf eisglattem Gehweg aus, sein Knie schwoll an und er machte sich wieder auf den Weg zu seinem Kniespezialisten. Es folgte eine weitere Knieoperation mit Knorpelglättung, und Stumpfentfernung vom Innenmeniskus. Voller Zuversicht verließ Gino mal wieder die Klinik.

Kein halbes Jahr später hatte Gino einen Verkehrsunfall. In der folgenden Knie-OP wurde ein freier Gelenkkörper entfernt.

Dann spielte Gino im Sommer 2007 mit seinen Söhnen Fußball. Dort wurde ihm die Instabilität seines Kniegelenks deutlich vor Augen geführt. Er entschloss sich im darauffolgenden Winter zu einer vorderen Kreuzbandplastik (VKB-Plastik).

Aufgrund der Vorschädigung und der  Vielzahl an Voroperationen stellten sich wieder Verwachsungen und Vernarbungen ein. Es folgte im Sommer 2008 eine Knie-OP am offenen Gelenk, dort wurde zusätzlich eine Bakerzyste in der Kniekehle entfernt.

Während der stationären Knie-Reha kamen massive Kniebeschwerden hinzu. Das Fixationsmaterial (Schraube) der Kreuzband-OP musste operativ entfernt werden.

MPFL-Plastik Lagerung nach Knie-OP

MPFL-Plastik Lagerung nach Knie-OP | Foto: knie-marathon.de

Im Jahr 2011 kam es bei Gino zu einem weiteren größeren arthroskopischen Eingriff am Kniegelenk. Hierbei wurden der Rest des Hinterhorninnenmeniskus entfernt, der Knorpel geglättet und Verwachsungen und Vernarbungen gelöst. Danach sah Gino Licht am Ende des Tunnels. Er freute sich auf ein beschwerdefreies Leben, wenn auch ohne Sport. Sein Glück dauerte keine drei Jahre.

Im Jahr 2014 hatte Gino einen Arbeitsunfall mit einer erneuten Patellaluxation. Jetzt war das MPFL gerissen und die Kniescheibe noch instabiler als zuvor. Gino entschloss sich im Januar 2014 zur MPFL-Plastik. Bei ihm wurde die Gracilis-Sehne auf der Gegenseite entnommen – die andere Sehne war bereits für die Kreuzbandplastik verwendet worden. Die MPFL-Operation wurde bei ihm in offener OP-Technik durchgeführt. Möglich ist auch eine geschlossene OP-Technik bei einer MPFL-Rekonstruktion.

Nachbehandlung MPFL-Plastik

Das Ziel der MPFL-Reha ist den Bewegungsumfang schmerzorientiert zu steigern, so dass nach etwa sechs Wochen eine freie Beugung erzielt wird. Eine motorgetriebene Bewegungsschiene für das Knie beschleunigt die Rehabilitation.

MPFL-Plastik – Woche 1 bis 3:

Die Nachbehandlung von Ginos MPFL-Plastik war langwierig, da die ersten vier Wochen keinerlei Beugung möglich war. Sein Knie lag in einer Streckschiene – Tag und Nacht. Unterarmgehstützen mit Sohlenbelastung.

MPFL-Plastik – Woche 4 bis 5:

Anschließend bekam Gino für zwei Wochen eine Knie-Softorthese mit 60 ° Beugung. Weiterhin Gehstützen mit Teilbelastung.

MPFL-Plastik – Woche 5 bis 6:

Knieorthese auf 90° Beugung mit Unterarmgehstützen. Anschließend wurde die Bewegungseinschränkung der Schiene aufgehoben und Gino benötigte sie nur noch für längere Strecken.

MPFL-Plastik- ab Woche 7:

Vollbelastung im Alltag ohne Orthese.

Fazit nach 31 Knieoperationen

Kaputt operiert oder wiederhergestellt? Auf Gino trifft irgendwie beides zu. Seine MPFL-Ersatz OP hat sich ausgezeichnet. Ginos Patella und sein Kniegelenk sind jetzt stabil. Er hat noch Schmerzen und versucht gerade seine Muskulatur in einer ambulanten Reha aufzubauen (Stand April 2015). Trotzdem zählt er mindestens 12 unnötige Knieoperationen:

  • Sämtliche Ausräumungen der Hämatome (Blutergüsse)
  • Knorpelglättungen
  • Meniskusteilentfernungen (Meniskusresektionen)
  • Plicaresektionen und andere sinnlose Aktionen.

Besonders die Knieoperationen im Zusammenhang mit den Hämatomen hätten verhindert werden können, wenn bei Gino frühzeitig seine Blutgerinnungsstörung diagnostiziert worden wäre. Neben irreversiblen Schäden im Kniegelenk hat Gino eine Menge Zeit, Nerven und Geld investiert:

Spezialkliniken in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern; 30 000 Kilometer Fahrtstrecke. Hinzu kommen Fahrten zur Physiotherapie (ca. 5000 km) und zu stationären Reha-Einrichtungen (ca. 1500 km).

Etwa 2000 Euro Eigenbeteiligung an Krankengymnastik und Massagen und 1300 Euro Eigenanteil bei Krankenhausaufenthalten und stationären Rehabilitationsmaßnahmen. Der Eigenanteil an Hilfsmitteln, wie Gehstützen, Bandagen, Schienen und Knieorthosen beträgt ca. 500 Euro.

Insgesamt 36 Monate mit Gehstützen. In Summe über die Jahre verteilt ca. 2 Jahre arbeitsunfähig, trotz hauptsächlich sitzender Tätigkeit im IT-Beruf.

Einen ganz besonderen Dank möchte Gino an dieser Stelle seinen Sportmediziner aussprechen, der egal, ob Privatpatient, Spitzensportler oder Kassenpatient – alle gleich engagiert behandelt. Dank ihm kann er nach jahrelanger Qual mit den Gehstützen, endlich wieder normal gehen.

Gino sagt: „Herzlichen Dank – Chapeau!“

Komplikationen oder Probleme nach der MPFL-Plastik

Speziell bei der MPFL-Plastik kann es zur  Lockerungen der Fremdimplantate und Tunnelfehlplatzierungen kommen. Dies führt anschließend zu einer schmerzhaften Fehlstellung der Kniescheibe. Patienten klagen über chronische vordere Knieschmerzen sowie anhaltende Defizite in der Kniebeugung.

Quelle:
[1] Ahmad CS, Brown GD, Stein BS. The docking technique for medial patellofemoral ligament reconstruction: surgical technique and clinical outcome. The American Journal of Sports Medicine 2009; 37: 2021–2027
[2] Dirisamer F, Patsch C, Hochreiter J. Minimal-invasive Rekonstruktion des medialen patellofemoralen Ligaments. Jatros Orthopädie 2009; 6: 18–20
[3] Brown GD, Ahmad CS. The Docking Technique for medial patellofemoral ligament reconstruction. Operative Techniques in Orthopaedics 2007; 17: 216–222
[4] Siebold R. et al. Hamstring graft fixation in MPFL reconstruction at the patella using a trasosseous suture technique. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosec 2010

Teilen:

Comments are closed.