„Plopp“ macht es im Knie und Kopf

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Nach einer Knieverletzung und in der anschließenden Rehabilitation erhalten neuromuskuläre und biomechanische Faktoren viel Aufmerksamkeit von Seiten des Therapeutenteams. Ärzte und Physiotherapeuten kümmern sich ausschließlich um das verletzte Kniegelenk. Die psychischen Folgen einer schwerwiegenden Knieverletzung berücksichtigt kaum jemand. Die Ausnahme bildet der Hochleistungs- oder Profisport. Dort betreuen Sport-Psychologen und Therapeuten zusätzlich die Psyche, Ängste und Unsicherheiten der Leistungssportler. Niemand hilft ein muskelbepacktes Knie, welches im Fußball-Spiel, die Kämpfe um den Ball vermeidet.

Psyche im Knie

Doch was passiert im Kopf nach einer Knieverletzung? Wie verarbeiten Patienten eine Verletzung im Knie und welche psychischen Faktoren sind für die erfolgreiche Rückkehr zum Sport entscheidend? Es geht um die Diskussion, wie eine Knie-Reha aussieht, die sowohl physische als auch psychische Faktoren vereint.

Das Ziel dieser Beitragsserie besteht darin, einen Überblick über die Literatur zur Psychologie bei Knieverletzungen und dessen Operationen zu geben. Denn aktuelle Studien belegen, dass psychologische Überlegungen eine unterschätze Rolle im Heilungsprozess nach Knieoperationen (insbesondere Kreuzband) spielen. Die psychologischen Faktoren unterstützen die erfolgreiche Rückkehr zum Sport (gleiches Level) und wirken sich auch auf die Rate der Wiederverletzungen (Kreuzband-Revisionen) aus. Letztlich münden diese Überlegungen für mich in einem ganzheitlicheren Ansatz einer Knie-Rehabilitation, insbesondere für Sportler.

Viele dieser psychologischen Strategien, Faktoren und Kniffe habe ich in meinen eigenen Rehabilitationsmaßnahmen ausführlich getestet. Anfangs eher intuitiv eingesetzt, später gezielt und strukturiert. Für mich eine der Hauptgründe, weshalb ich bis heute meine Motivation nicht verloren habe und immer noch der festen Überzeugung bin: „Alles wird gut – irgendwann!“

Jede schwerwiegende Knieverletzung ist auch Kopfsache

Im Knie Probleme - Die Psyche kommt später

Im Knie Probleme – Die Psyche kommt später bei Kreuzbandrissen | Foto: knie-marathon.de

Die Annahme, dass sich jede Krankheit (oder die Abwesenheit von Gesundheit) auch auf die Psyche auswirkt, bestreiten heute nur noch wenige. Bemerkenswert finde ich, dass unser Gesundheitssystem diesen Ansatz, bei schwerwiegenden Knieverletzungen, wie Z.B. einen Kreuzbandriss außer Acht lässt. Damit meine ich nicht, dass jeder Kreuzband-Patient eine Psychotherapie benötigt – mit Sicherheit nicht! Ein Fortschritt wäre schon, wenn Ärzte und Therapeuten diesem Thema mehr Aufmerksamkeit schenken würden. Denn schon im ersten Arztgespräch wird ein wichtiger psychologischer Faktor beim Patienten „getriggert“ – seine Erwartungshaltung gegenüber der anstehenden Knieoperation und seiner vollständigen Genesung. An diesem Punkt möchte ich alle Blogleser aufrufen, darüber nachzudenken, wie nahe das eigene Arztgespräch in Bezug, auf das später Erlebte wirklich war. Ich würde mich an dieser Stelle über Rückmeldung sehr freuen.

Ein weiterer Punkt, der mich beschäftigt und ebenfalls Auslöser für den Start der ist. Ich bekomme immer wieder E-Mails von Bloglesern, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben, wie ich: Viele Operationen am Knie, langwierige Knie-Rehabilitationen immer mit Rückschlägen verbunden. Am Ende „aufgegeben“ von allen Beteiligten – Ausagen, wie […] damit müssen Sie jetzt leben […]. Nicht wenige, sind so gebeutelt von ihrer Verletzung, dass sie Hilfe beim Psychologen suchen. Die anfangs harmlose Knieverletzung „endet“ in einer Depression. Die Experten spätestens zu diesem Zeitpunkt aufzusuchen, halte ich für richtig und wichtig – für mich kommt die Unterstützung dennoch zu spät. Wie viele Patienten hätten von einer ganzheitlichen Behandlung profitiert, bevor sich der „Schalter“ gänzlich umlegt?

Psychische Reaktionen auf Verletzungen im Knie

Manche Sportler hören das „Plopp“-Geräusch beim Kreuzbandriss, andere schockt die Diagnose später in der Klinik. Schwere und langwierige Knieverletzungen fördern beim Patienten das emotionale Erleben. Psychologen sprechen von einer „Trauerreaktion“ auf das Erlebte.
Trauer spielt in vielen Fällen eine Rolle; damit ist nicht nur der Verlust eines geliebten Menschen gemeint. Der Trauerprozess kann sich auch auf das Ende einer Beziehung, den Verlust von Gesundheit oder wertvoller Güter beziehen.
Optimal verläuft eine emotionale Reaktion auf schicksalhafte Erlebnisse in fünf Stufen:

  • Verleugnung;
  • Wut;
  • Verhandlung;
  • Depression;
  • Annahme und Reorganisation.

Nach der Diagnose einer schwerwiegenden Knieverletzung kommt erst einmal ein Art „Schockzustand“, in dem der Patient wenig fühlt – im Inneren herrscht Leere. Auch versucht das Gehirn, die schreckliche Nachricht zu ignorieren, es darf einfach nicht wahr sein! Diese erste Phase kann unterschiedlich lange anhalten, von einigen Minuten bis zu einigen Tagen. Anschließend brechen meist die Emotionen auf.

Die Bedeutung der Knieverletzung wird heruntergespielt oder verharmlost. Das gelingt so lange, bis die Verletzung am Knie mit allen Einschränkungen und Schmerzen in vollem Ausmaß deutlich wird. Der Schock manifestiert sich entweder in innerer Wut gegen sich selbst, oder sie wird nach außen getragen und die Mitmenschen leiden unter der Stimmung.
Die Intensität der Reaktionen hängen von situativen und persönlichen Faktoren ab. Besonders hart trifft es Patienten, deren Identitätsgefühl oder Selbstverständnis stark mit der Leistungsfähigkeit des Knies zusammenhängt, z.B. im Profi-Sport.

Nach der Wut tritt der Betroffene in innere Verhandlungen mit sich selbst ein. Er rationalisiert seine Knieverletzung, um die schmerzhafte Realität der Situation zu vermeiden. Ein Läufer oder ambitionierter Fußballspieler verspricht sich selbst, extra hart zu trainieren oder besonders nett zu seiner Umgebung zu sein, wenn er sich nur schnell wieder erholt. Der Betroffene setzt all seine Kraft in die Hoffnung, durch Verhandlungen mit dem Schicksal den Verlust zu minimieren.

Wichtig ist den Patienten abzufangen, wenn er die Verhandlungsphase abschließt. Insbesondere, dann wenn die Rehabilitation nicht nach Plan läuft oder Komplikationen auftreten. Dann besteht die Gefahr, dass der Betroffene in eine Depression abrutscht, weil alles hoffnungslos erscheint. Anmerkung: Die Stufe der Depression konnte nicht durchgängig in den Studien beobachtet werden.

Schließlich bewegt sich der Patient in Richtung Akzeptanz und Annahme seiner Knieverletzung. Der Fokus richtet sich jetzt auf die Knie- Rehabilitation und die Rückkehr zur sportlichen Aktivität oder in den Alltag.
Diese Phase kennzeichnet den Übergang von einer emotionalen zu einer konstruktiven Problembewältigung. Der Patient erkennt, was getan werden muss, um die Heilung und Rehabilitation zu unterstützen. Er leitet seine Handlungsfähigkeit ein.

Für die einzelnen Phasen gibt es keinen festgelegten Zeitrahmen und die Ausprägung ist individuell verschieden. Rückschläge bei der Rehabilitation können zu weiteren emotionalen Störungen führen und ein verharren in einer Phase fördern. In Fällen von sehr schweren Verletzungen und solche, bei denen die emotionalen Reaktionen verlängert sind, kann therapeutische Hilfe unterstützend wirken.

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„Wegstecken“ oder hadern nach Verletzung im Knie

„Wegstecken“ gelingt Patienten besonders gut, die über genügend Resilienz verfügen. So bezeichnet die Psychologie die seelische Widerstandskraft, die selbst in schwierigen Situationen Halt gibt. Das Wort ist aus dem lateinischen „resilire“ für zurückfedern abgeleitet. Resiliente Patienten passen sich den neuen Umständen gut an. Sie erstarren nicht dauerhaft in ihrem Schicksal, sondern stellen schneller die emotionale Balance wieder her.

Diese Betroffenen haben Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und fühlen sich nicht als Spielball des Schicksals und der betreuenden Therapeuten. Auch bei den Belastungen können die Betroffenen dem, was geschehen ist, eher einen Sinn geben. Und sie suchen für sich Erfahrungen und Beziehungen, die ihre Genesung fördern.

Resiliente Patienten erkenne ich im Gespräch, an Sätzen wie: „Ich nehme meine Rehabilitation grundsätzlich selbst in der Hand“, oder: „Ich muss nur selbst aktiv werden – dann wird das alles wieder“. Für den Erfolg zählt, der feste Glaube, dass jeder durch eigene Handlungen seine Knie-Reha fördern kann. Diese Überzeugung ist der „Motor“ für die Motivation, die bei einer Knieverletzung über einen langen Zeitraum gefordert ist. Einer der entscheidenden Faktoren für ein Comeback nach der gelungenen Knieoperation.
Weitere Faktoren zur Reha, neben einem guten Trainingsplan beschreibt der Artikel „Nach Knieverletzungen zählt innere Stärke“.

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