Immer Kreuzbandriss OP: Wann geht es auch ohne Eingriff?

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„Sie sollten sich einer Kreuzbandriss OP unterziehen!“ Über diesen Satz stolpern einige tausend Bundesbürger pro Monat. Denn im Durchschnitt macht es in Deutschland alle 6,5 Minuten „Plopp“ und ein Kreuzband ist gerissen. Doch muss wirklich immer eine Kreuzbandriss OP stattfinden? Gibt es nicht auch alternative Behandlungsmöglichkeiten für ein angerissenes Kreuzband? Dieser Beitrag geht der Frage: Kreuzband OP Ja oder Nein auf den Grund und zeigt Chancen und Risiken einer Kreuzbandriss OP auf?

Vorderes Kreuzband gerissen und nun?

Früher war die Entscheidung, ob immer eine Kreuzbandriss OP erfolgen soll, definitiv einfacher als heute. Der Grund für die kniffelige Frage, liegt auf der Hand. Die Anzahl der Therapiemöglichkeiten nach einem vorderen Kreuzbandriss sind gestiegen (Stand 2017). Noch vor ein paar Jahren musste sich der Patient entscheiden, ob er sein vorderes Kreuzband operieren möchte oder nicht. Deshalb wartete der Patient mit einem Kreuzbandriss erst einmal ab. In dieser Zeit klingen in aller Regel die akuten Kniebeschwerden deutlich ab. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt überlegten sich die Betroffenen genau, ob eine Kreuzbandriss OP für sie noch sinnvoll erschien.

Diese Überlegungen kannst du heutzutage immer noch anstellen. Nur solltest du dir im Klaren darüber sein, dass diese Entscheidung: Für oder gegen eine Kreuzbandriss OP – unter Umständen mit Spätschäden verbunden ist und du auch Chancen, durch das Abwarten mit der Kreuzband OP, verlierst.

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Konservative Behandlung oder Kreuzband operieren

Immer wieder kursieren Überschriften, die 60% aller Kreuzbandriss Operationen als überflüssig darstellen und verständlicherweise, die Betroffenen zum Nachdenken anregen. Auch hört und liest der Bundesbürger immer wieder, dass ein Großteil der Knie Operationen angeblich rein aus finanziellen Gründen durchgeführt werden. Betrifft das auch deine bevorstehende Kreuzbandriss OP – eine berechtigte Frage, finde ich.

Die Ergebnisse medizinischer Studien für eine konservative Behandlung und damit gegen einen Kreuzbandriss OP sind teilweise wenig aussagekräftig. Mir fallen vor allem drei Dinge auf:

  1. Geringen Fallzahlen (maximal 150 Teilnehmer; oft mit unterschiedlichen Voraussetzungen hinsichtlich Alter, Erwartungen, Begleitverletzungen und Vorgeschichte)
  2. Kurze Untersuchungszeiträume
  3. Unterschiede im Indikator zur Messung des Behandlungserfolgs.

Eine globale Übertragbarkeit aller Studienergebnisse auf die heutigen medizinischen Möglichkeiten sind schwierig, da:

  • sich die Operationsmethoden und vor allem die Nachbehandlungskonzepte in den letzten Jahrzehnten enorm verändert haben.
  • der arthroskopische Eingriff im Knie ist schonender und die äußere Wundheilung dadurch schneller.
  • die Operationstechnik für Kreuzbänder ist bei korrekter Anwendung präziser, die Fixierungsmethoden ausgereifter und die Nachbehandlung effizienter als noch vor Jahren.

Immer Kreuzbandriss OP oder zählt das stabile Knie trotz Kreuzbandriss

Im Regelfall untersuchen Studien, die Stabilität im Kniegelenk eines operativ versus konservativ versorgten Kreuzbandrisses. Die Ärzte untersuchen also, welches verletzte Kniegelenk nach einem bestimmten Zeitpunkt stabiler und welcher Patient aktiver ist.

Der Vergleich zwischen dem operierten Kreuzband und dem nicht operierten Kreuzbandriss ist nicht wesentlich. Mit einer intensiven konservativen Nachbehandlung sind die ähnliche Ergebnisse im Alltag erzielbar, wie ohne Kreuzbandriss OP [1]. Definitiv eine Vorlage für alle, keine Kreuzbandriss-OP, Anhänger.

Nicht die Zukunft ohne Kreuzband ausblenden

Das erreichte Aktivitätslevel darf aber nicht als alleiniger Erfolgsfaktor gegen eine Kreuzbandriss OP gewertet werden. Unberücksichtigt bleiben bei den Studien alle Faktoren, die erheblichen Einfluss auf deine Gesundheit des Kniegelenks in der (fernen) Zukunft haben:

  • Die verschleißbedingte Arthrose im Knie rückt mit jedem Lebensalter näher – ohne operiertes Kreuzband womöglich schneller [2].
  • Neuere Meta-Analyse belegen diese Arthroseprävention bei einer vorderen Kreuzbandruptur zwar nicht eindeutig: […] Kein Nachweis eines schützenden Effekts nach einer vorderen Kreuzbandersatzplastik bezüglich einer fortschreitenden posttraumatischen Arthroseentwicklung. Doch Zusatzverletzungen am Knorpel und Meniskus verschlechtern die Prognose zusätzlich. [3]
  • Die Mehrbelastung der anderen Stabilisatoren im Kniegelenk (Bänder, Meniskus) steigt, da ein sehr wichtiger Stabilisator im Kniegelenk fehlt.
  • Der Meniskus als Stoßdämpfer und Puffer im Knie muss mehr leisten, womöglich verschleißt er dadurch deutlich früher.
  • Das höhere Risiko andere Kniestrukturen im Sport oder Alltag zu verletzen steigt, da die Kreuzbandstabilität fehlt.

Das alles soll keine Angst erzeugen, sondern eine fundierte Grundlage für deine Entscheidung legen: Es steht weiterhin die Frage im Raum, ob immer eine Kreuzbandriss OP notwendig ist – Ja oder Nein?

Zwei Jahre ohne Kreuzband sind nichts in einem Menschenleben

Kreuzbandriss OP und keine Knieprobleme

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In der schwedischen Untersuchung (2010) waren die Studienteilnehmer zwischen 18 und 35 Jahre alt [3]. Die Studie mit 121 Teilnehmern schlussfolgert, dass die Kniestabilität der Probannten unabhängig von der Therapie (Kreuzbandriss OP oder konservative Behandlung) etwa gleich gut waren. Langzeitergebnisse liegen nicht vor, da der Untersuchungszeitraum lediglich zwei Jahre beträgt. Grundsätzlich sind Langzeitergebnisse von über 10 Jahren kaum verfügbar und falls doch, sind die Operationsmethoden nicht mehr mit den heutigen Möglichkeiten vergleichbar.

Das ein Leben ohne Kreuzband einigermaßen, wenn auch oft mit Abstrichen, funktioniert, haben viele Patienten nach ihrem Kreuzbandriss erlebt. Gehen, Sport (in Abhängigkeit von der Sportart) ist wieder möglich. Besonders gut trainierte Menschen, spüren wenige Probleme im Alltag und Sport. Die Muskulatur unterstützt und gleicht das Defizit aus. Die spannende Frage bleibt: Wie sieht das Knie in 20 Jahren aus?

20 Jahre nach dem Kreuzbandriss ohne OP – Was dann?

Vier Hinweise, die in eine Kalkulation: Pro oder Contra Kreuzband OP, einfließen sollten:

Gewicht drückt auf die Kniegelenke

Die Statistik belegt, wir werden immer älter und aktiver. Das Durchschnittsalter für Frauen liegt inzwischen bei über 85 Jahre. Eine zwanzigjährige Person (w) mit einem Kreuzbandriss muss das Defizit in der Kniestabilität mindestens 60 Jahre lang muskulär ausgleichen. Hinzu kommt der Umstand, dass die meisten Bundesbürger im Verlauf ihres Lebens an Körpergewicht zulegen und das Übergewicht die Kniegelenke zusätzlich belastet.

Beinmuskeln als Stabilisatoren verschwinden durch Inaktivität und Alter

Allein durch die mit dem Alter verbundenen Abbauprozesse verlieren wir ab dem 50 Lebensalter jährlich 1-2 % an Muskelmasse. Nach dem 60. Lebensjahr verschwinden sogar 3 % unserer Muskeln pro Jahr. Nicht operierte Kreuzband Patienten müssen im Alter mit weniger Muskelkraft aber mehr Körpergewicht ihr Kniegelenk stabilisieren.

Hinzu kommt die Tatsache, das ehemalige Kreuzbandriss Patienten ihr Aktivitätsniveau (Sport) an ihre Kniebeschwerden anpassen, was das Körpergewicht ungünstig beeinflusst und die Arthrose fördert.

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Stabiles Knie ist nicht gleichzusetzen mit gesundem Knie

Das vordere Kreuzband ist ein enorm belastungsfähiges Band. Durch seine permanente Spannung schützt das Band das Knie bevor die Beinmuskulatur einspringt. Dieser Schutzmechanismus fällt mit einem gerissenen Kreuzband weg. Eine gut trainierte Muskulatur übernimmt diese Stabilisationsaufgabe, das Knie „fühlt“ sich stabil an. Doch ein Wegfall der primären Kniegelenkstabilisatoren bedeutet für alle anderen Strukturen, definitiv eine Mehrbeanspruchung.

Überbeanspruchung im Kniegelenk bleibt nicht ohne Folgeschäden

Besonders die höhere Krafteinwirkung auf den Schienbeinvorschub bewirkt eine Mehrbeanspruchung der umgebenden Strukturen (Band, Meniskus, Knorpel). Dieser ständigen „Überbeanspruchung“ folgen langfristig kleinste degenerative Veränderungen in Form von Rissen im Knorpelgewebe. Besonders der Hinterhorn-Innenmeniskus kommt ohne vorderes Kreuzband verstärkt unter Druck, was irgendwann in einem Meniskusriss enden kann.

Diese schleichenden Veränderungen bemerken die Patienten nicht sofort, da den Korpelstrukturen die Schmerzrezeptoren fehlen. Oft wird es dann schmerzhaft, wenn die ersten Arthrose Anzeichen auftauchen. Doch die Aussicht auf Heilung für ein gerissenes Kreuzband mit Meniskusschaden und gleichzeitiger Arthrose sind ungleich schlechter als im akuten Stadium nach dem Riss. Der Umkehrschluss, dass ein operiertes Kreuzband eine vorzeitige Arthrose auf jeden Fall verhindert – darf aber nicht gezogen werden. Mehr Informationen über das Arthroserisiko mit und ohne Kreuzband-OP habe ich in einem separaten Beitrag für dich zusammengefasst.

Was für einen Kreuzbandriss ohne Operation spricht

  • Keine Garantie, dass die Kreuzbandplastik OP den gewünschten Erfolg bringt
  • Geringere Stabilität und Reißfestigkeit einer Kreuzbandplastik
  • Risiko Narkose
  • Risiko für Komplikationen während der Kreuzbandriss OP
  • Infektionen im Knie
  • Erneut eine lange Reha Phase nach der Kreuzbandriss OP
  • Krankenhausaufenthalt und längere Arbeitsunfähigkeit
  • Schmerzen nach Kreuzbandriss OP
  • Existierende Krankheiten und persönliche Risiken (z.B., Arthrofibrose)
  • Geringes Aktivitätsverhalten (Sport, Alltag)
  • Sehr hohes Lebensalter oder Risikopatient
  • Mehrere fehlgeschlagene Kreuzbandriss Operationen ohne erkennbare Ursache
  • Psychische Ängste und Begründungen
  • Kein gesicherter Nachweis für die Entwicklung einer späteren Kniearthrose.

Konservative Kreuzband Therapie und gerissenes Kreuzband operieren widersprechen sich (nicht)

Die Diagnose Kreuzbandriss ist in der Regel keine Notfalldiagnose. Deshalb kannst du in Ruhe über die Vorteile und Nachteile einer Operation am Kreuzband nachdenken.

Solltest du dir allerdings gerade erst dein vorderes Kreuzband gerissen haben, dann höre unbedingt in dieses Interview über die Heilung von gerissenen Kreuzbändern rein. Eventuell ergeben dadurch neue Perspektiven. Falls du dir es vorerst ohne Knie-OP versuchen möchtest, empfehle ich dir die Muskelaufbau-Programme nach dem Kreuzbandriss.

Quelle
[1] Louboutin, H., Debarge, R., Richou, J., Selmi, T. A., Donell, S. T., Neyret, P. et al. (2009). Osteoarthritis in patients with anterior cruciate ligament rupture: a review of risk factors.. The Knee, 16(4), 239-244.
[2] Frobell RB, Roos EM et al (2010): A randomized trail of treatment for acute anterior cruciate ligament tears, New England Journal of Medicine 363, 331-342.
[3] E. Abermann C., Hoser K.-P., Benedetto C., Hepperger C., Fink C. Arthroseentwicklung nach
vorderer Kreuzbandruptur, Arthroskopie 2015 28:26–30
[4] Lohmander, L. S., Englund, P. M., Dahl, L. L. & Roos, E. M. (2007). The long-term consequence of anterior cruciate ligament and meniscus injuries: osteoarthritis. The American journal of sports medicine, 35(10), 1756-1769.

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