Kreuzbandriss OP – Keine Knieprobleme trotzdem operieren?

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Kreuzbandriss OP Ja oder Nein – Pro und Kontra Kreuzband OP. „Sie sollten sich einer Kreuzbandriss OP unterziehen!“ Über diesen Satz grübeln mit Sicherheit einige tausend Bundesbürger pro Jahr nach. Denn im Durchschnitt macht es in Deutschland alle 6,5 Minuten „Plopp“ und ein Kreuzband ist gerissen. Anschließend folgen die konservative Kreuzband Nachbehandlungen und die akuten Kniebeschwerden klingen ab. Spätestens zu diesem Zeitpunkt überlegen Betroffene, ob eine Kreuzbandriss OP Sinn macht.

Folgende Überlegungen und Informationen gehören bei der Entscheidung für oder gegen eine Kreuzbandriss OP einbezogen: Es zählt nicht nur heute sondern auch morgen und übermorgen.

Konservative Behandlung oder Kreuzband operieren

Immer wieder kursieren Überschriften in den Medien, die 60% aller Kreuzbandriss Operationen als überflüssig darstellen und verständlicherweise die betroffene Patienten zum Nachdenken bringen. Hört und liest der Bundesbürger immer wieder, dass ein Großteil der Knie Operationen angeblich rein aus finanziellen Gründen durchgeführt werden. Betrifft das auch meine Kreuzbandriss OP? – eine berechtigte Frage.

Die Ergebnisse medizinischer Studien für eine konservative Behandlung und damit gegen einen Kreuzbandriss OP sind teilweise wenig aussagekräftig. Es fallen vor allem drei Dinge auf:

  1. Geringen Fallzahlen (maximal 150 Teilnehmer; oft mit unterschiedlichen Voraussetzungen hinsichtlich Alter, Erwartungen, Begleitverletzungen und Vorgeschichte)
  2. Kurze Untersuchungszeiträume
  3. Unterschiede im Indikator zur Messung des Behandlungserfolgs.

Eine globale Übertragbarkeit aller Studienergebnisse auf die heutigen Verhältnisse sind schwierig, da sich die Operationsmethoden und auch die Nachbehandlungskonzepte in den letzten Jahrzehnten enorm verändert haben. Der arthroskopische Eingriff ist schonender für das Kniegelenk, die äußere Wundheilung dadurch schneller, die Operationstechnik ist bei korrekter Anwendung präziser, die Fixierungsmethoden ausgereifter und die Nachbehandlung effizienter als noch vor Jahren.

Heute ein stabiles Kniegelenk und in 20 Jahren

Im Regelfall untersuchen Studien, die Kniegelenksstabilität eines operativ versus konservativ versorgten Kreuzbandrisses. Das daraus resultierende Aktivitätslevel der Studienteilnehmer zu unterschiedlichen Zeitpunkten ist der Indikator. Hier unterscheiden sich die Therapieergebnisse in der Tat nicht wesentlich voneinander. Mit einer intensiven konservativen Nachbehandlung sind die gleichen Ergebnisse im Alltag erzielbar, wie ohne Kreuzbandriss OP [1].

Zukunft ohne Kreuzband ausgeblendet

Das erreichte Aktivitätslevel darf aber nicht als alleiniger Erfolgsfaktor gegen eine Kreuzbandriss OP gewertet werden. Unberücksichtigt bleiben bei den Studien alle Faktoren, die erheblichen Einfluss auf die Gesundheit des Kniegelenks in der (fernen) Zukunft haben:

  • Die verschleißbedingte Arthrose rückt mit jedem Lebensalter näher, ohne Kreuzband womöglich schneller [2]. Neuere Meta-Analyse belegen diese Arthroseprävention bei einer vorderen Kreuzbandruptur nicht: […] Kein Nachweis eines schützenden Effekts nach einer vorderen Kreuzbandersatzplastik bezüglich einer fortschreitenden posttraumatischen Arthroseentwicklung. Zusatzverletzungen an Knorpel und Meniskus verschlechtern die Prognose noch weiter. [3]
  • Die Gewichtszunahme im Alter, jedes Kilo drückt auf das geschädigte Knie.
  • Die abnehmende Muskelkraft und -menge im Alter, das Trainingslevel nimmt ab damit die Stabilität im Knie.
  • Die Mehrbelastung der anderen Stabilisatoren im Kniegelenk steigt, da ein wichtiger Stabilisator im Gelenk fehlt.
  • Der Meniskus als Stoßdämpfer und Puffer im Knie muss mehr leisten, womöglich verschleißt er dadurch.
  • Das höhere Risiko andere Kniestrukturen im Sport oder Alltag zu verletzen steigt, da die Kreuzbandstabilität fehlt.
  • Die gestiegene Lebenserwartung, ein Knie muss heute länger durchhalten als noch vor ein paar Jahren.
  • Die veränderte Erwartungshaltung hinsichtlich Aktivitäten und Sport im Rentenalter. 65 Jahre ist heute kein Alter!

Das alles soll keine Angst erzeugen, sondern eine fundierte Grundlage für die Entscheidung legen: Kreuzbandriss OP – Ja oder Nein?

Zwei Jahre ohne Kreuzband sind nichts in einem Menschenleben

Kreuzbandriss OP und keine Knieprobleme

Zukunftsaussichten nach Kreuzbandriss OP | Foto: knie-marathon.de

In der schwedischen Untersuchung (2010) waren die Studienteilnehmer zwischen 18 und 35 Jahre alt [3]. Die Studie mit 121 Teilnehmern schlussfolgert, dass die Kniestabilität der Probannten unabhängig von der Therapie (Kreuzbandriss OP oder konservative Behandlung) etwa gleich gut waren. Langzeitergebnisse liegen nicht vor, da der Untersuchungszeitraum lediglich zwei Jahre beträgt. Grundsätzlich sind Langzeitergebnisse von über 10 Jahren kaum verfügbar und falls doch, sind die Operationsmethoden nicht mehr mit den heutigen Möglichkeiten vergleichbar.

Das ein Leben ohne Kreuzband einigermaßen, wenn auch oft mit Abstrichen, funktioniert, haben viele Patienten nach ihrem Kreuzbandriss erlebt. Gehen, Sport (in Abhängigkeit von der Sportart) ist wieder möglich. Einige, besonders gut trainierte Menschen, spüren wenige Probleme im Alltag und Sport. Die Muskulatur unterstützt und gleicht das Defizit aus. Die spannende Frage bleibt: Wie sieht das Knie in 20 Jahren aus?

20 Jahre nach dem Kreuzbandriss ohne OP

Die Statistik belegt, wir werden immer älter und aktiver. Das Durchschnittsalter für Frauen liegt inzwischen bei über 85 Jahre. Eine zwanzigjährige Person (w) mit einem Kreuzbandriss muss das Defizit in der Kniestabilität mindestens 60 Jahre lang muskulär ausgleichen. Möglich oder unmöglich? Hinzu kommt der Umstand, dass die meisten Bundesbürger im Verlauf ihres Lebens an Körpergewicht zulegen und das Übergewicht die Kniegelenke zusätzlich belastet.

Wir alle verlieren ab dem 50 Lebensalter jährlich 1-2 % an Muskelmasse allein durch die mit dem Alter verbunden Abbauprozesse. Nach dem 60. Lebensjahr sind es sogar 3 % weniger Muskeln pro Jahr. Nicht operierte Kreuzband Patienten müssen im Alter mit weniger Muskelkraft aber mehr Körpergewicht ihr Kniegelenk stabilisieren. Möglich oder unmöglich? Hinzu kommt die Tatsache, das ehemalige Kreuzbandriss Patienten ihr Aktivitätsniveau (Sport) an ihre Kniebeschwerden anpassen, was das Körpergewicht ungünstig beeinflusst und die Arthrose fördert.

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Stabiles Knie ist nicht gleichzusetzen mit gesundem Knie

Das vordere Kreuzband ist ein enorm belastungsfähiges Band, dass durch seine permanente Spannung das Kniegelenk schützt bevor die Beinmuskulatur einspringt. Dieser Schutzmechanismus fällt mit einem gerissenen Kreuzband weg. Eine gut trainierte Muskulatur übernimmt diese Stabilisationsaufgabe, das Knie „fühlt“ sich stabil an. Doch ein Wegfall der primären Kniegelenkstabilisatoren bedeutet für alle anderen Strukturen eine Mehrbeanspruchung.

Besonders die höhere Krafteinwirkung auf den Schienbeinvorschub bewirkt eine Mehrbeanspruchung der umgebenden Strukturen (Band, Meniskus, Knorpel). Dieser ständigen „Überbeanspruchung“ folgen langfristig kleinste degenerative Veränderungen in Form von Rissen im Knorpelgewebe. Besonders der Hinterhorn-Innenmeniskus kommt ohne vorderes Kreuzband verstärkt unter Druck, was irgendwann in einem Meniskusriss enden kann. Diese schleichenden Veränderungen werden, da den Knorpelstrukturen die Schmerzrezeptoren fehlen, von vielen Patienten zunächst nicht bemerkt bis erste Arthrose Anzeichen auftauchen. Die Heilungssausichten für ein gerissenes Kreuzband mit Meniskusschaden und Arthrose sind ungleich schlechter als im akuten Stadium. Der Umkehrschluss, dass ein operiertes Kreuzband eine vorzeitige Arthrose auf jeden Fall verhindert darf aber nicht gezogen werden. Detaillierte Auskunft dazu – Arthroserisiko mit und ohne Kreuzband-OP.

Kontra Kreuzbandriss OP

  • Keine Garantie, dass die Kreuzbandplastik OP Erfolg bringt
  • Geringere Stabilität und Reißfestigkeit einer Kreuzbandplastik
  • Risiko Narkose
  • Risiko für Komplikationen während der Kreuzbandriss OP
  • Infektionen im Knie
  • Wieder lange Reha Zeit nach der Kreuzbandriss OP
  • Krankenhausaufenthalt und längere Arbeitsunfähigkeit
  • Schmerzen nach Kreuzbandriss OP
  • Existierende Krankheiten und persönliche Risiken (z.B., Arthrofibrose)
  • Geringes Aktivitätsverhalten (Sport, Alltag)
  • Sehr hohes Lebensalter oder Risikopatient
  • Mehrere fehlgeschlagene Kreuzbandriss Operationen ohne erkennbare Ursache
  • Psychische Ängste und Begründungen
  • Kein gesicherter Nachweis für die Entwicklung einer späteren Kniearthrose.
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Konservativ abwarten und operieren widersprechen sich nicht

Die Diagnose Kreuzbandriss ist keine Notfalldiagnose. Abwarten und in Ruhe nachdenken ist kein Problem. Unabhängig davon, wie die eigene Entscheidung ausfällt, folgende Punkte sind beim Abriss des Kreuzbandes noch wichtig:

  • Mindestens sechs Wochen nach dem Kreubandriss Trauma abwarten. Das reduziert die Gefahr von Vernarbungen und Verklebungen im Knie (Arthrofibrose). Anmerkung: Es gibt Arten von Kreuzbandrissen, die eine solche Wartezeit nicht erforderlich machen; nicht jeder Kreuzbandriss ist gleich.
  • Diese Wochen des Wartens für das Einholen einer zweiten ärztlichen Meinung nutzen. Ist die Diagnose kompletter Kreuzbandriss sowie Begleitverletzungen nicht ausreichend abgesichert, unbedingt weitere Gutachten einholen. Darüber hinaus eine fundierte Recherche über geeignete Operateure sowie eine gute Vor- bzw. Nachbehandlung organisieren.

Für alle, die es ohne Knie-OP versuchen, auch dafür eignet sich die Knie-Reha-Serie zur vorderen Kreuzband-OP mit vielen Übungen zum Muskelaufbau.

Quelle:
[1] Louboutin, H., Debarge, R., Richou, J., Selmi, T. A., Donell, S. T., Neyret, P. et al. (2009). Osteoarthritis in patients with anterior cruciate ligament rupture: a review of risk factors.. The Knee, 16(4), 239-244.
[2] Frobell RB, Roos EM et al (2010): A randomized trail of treatment for acute anterior cruciate ligament tears, New England Journal of Medicine 363, 331-342.
[3] E. Abermann C., Hoser K.-P., Benedetto C., Hepperger C., Fink C. Arthroseentwicklung nach
vorderer Kreuzbandruptur, Arthroskopie 2015 28:26–30
[4] Lohmander, L. S., Englund, P. M., Dahl, L. L. & Roos, E. M. (2007). The long-term consequence of anterior cruciate ligament and meniscus injuries: osteoarthritis. The American journal of sports medicine, 35(10), 1756-1769.

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