Kniespezialist Prof. Dr. Pässler im Interview

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Thema Kreuzbandriss – Kniespezialist Prof. Dr. Pässler antwort

Zahlreiche Fragen sind während der Knie-WM 2014 für den Kniespezialisten eingegangen. Vielen Dank – Jetzt folgen die Antworten. Im ersten Teil des Knieexperten- Interviews steht das verletze Kreuzband oder ein Kreuzbandriss im Fokus. Der zweite Beitrag wird Fragen zum Thema „Meniskusschaden und andere Kniebeschwerden“ beantworten.

Vorstellung Knieexperte

Kniespezialist Prof. Dr. Pässler

Kniespezialist Prof. Dr. Pässler antwortet zum Thema Knie

Zur Person: Professor Dr. med. Hans Pässler zählt zu den international führenden Kapazitäten der Kniechirurgie, insbesondere der Kreuzbandchirurgie sowie der Knorpelzelltransplantation.

Von 1997 bis 2010 war er Ärztlicher Direktor der ATOS Praxisklinik in Heidelberg. Er ist Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie und Begründer der frühfunktionellen Therapie nach Bandoperationen am Kniegelenk (1972). Pässler hat über 200 Veröffentlichungen in Fachzeitschriften publiziert. Hinzu kommen zahlreiche Buchbeiträge sowie drei eigene Bücher. In den letzten Jahren warnte Prof. Pässler in zahlreichen Fernseh- und Rundfunksendungen sowie in den Printmedien vor der Ausuferung arthroskopischer Operationen. Zudem erstellt Prof. Dr. med. Pässler Zweitgutachten im Auftrag von Medexo – medizinische Experten online.

Fragen an den Kniespezialisten

1.) Junger Patient mit mehrfacher vorderer Kreuzbandplastik, sowohl mit eigenem Sehnenmaterial als auch mit Allografts. Eigenes Sehnenmaterial steht nicht mehr zur Verfügung. Jetzt erneute Instabilität, die vordere Kreuzbandplastik (Allograft) ist im MRT nicht mehr darstellbar. Gibt es eine weitere Alternative – z.B. das LARS-Band. Was halten Sie davon?

Prof. Dr. med H. Pässler: Kunstbänder aus Polyaethylenmaterial gab es schon in den 70iger und 80iger Jahren. Wegen der schlechten mittel- und langfristigen Ergebnisse ist man davon gänzlich abgekommen. In Frankreich sind diese Kunstbänder verboten, und das LARS-Ligament kommt von dort, und zwar aus Dijon, wo es produziert und exportiert wird.

Im Falle dieses jungen Mannes sollte man zuerst herausfinden, warum es immer wieder zu einem Versagen der Kreuzbandersatzoperation kam. Häufigste Ursache ist eine übersehene Instabilität der hinteren äußeren Ecke (sog. Arcuatkomplex mit Außenband, Kapsel, Popliteussehne etc.)

2.) Wieso „starten“ die meisten Patienten nach drei oder vier Monaten nach einer Kreuzbandriss- OP wieder durch, wenn die Plastik sich eigentlich noch in der Umbauphase befindet und wenig reißfest ist. Können Sie bitte das Prinzip der Umbauphase darlegen? Wann ist besondere Vorsicht geboten?

Prof. Dr. med H. Pässler: Das eingesetzte Ersatzband, also eine körpereigene Sehne (Beugesehne, Patellarsehne, Quadricepssehne) wird zunächst aus seiner natürliche Umgebung herausgeschnitten und ist damit jeglicher Blutversorgung für die Ernährung seiner Zellen beraubt. Nach dem Einbauen der Sehne in die Knochenkanäle am Schienbein und Oberschenkelknorren müssen erst wieder Blutgefäße in die Sehne einwachsen, und das braucht mindestens ein halbes Jahr. Daher sind die eingesetzten Sehnentransplantate in dieser Zeit sehr empfindlich auf plötzliche Spannung und können dann leicht mal reißen, wenn ein adäquater Unfall passiert. Man geht davon aus, dass erst nach 9 Monaten die Transplantate wieder ausreichend eingewachsen und mit Blutgefäßen zur Ernährung versorgt sind, um auch eine sportliche Belastung sicher auszuhalten.

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3.) Weshalb sind die Nachbehandlungspläne bei einer vorderen Kreuzbandplastik so unterschiedlich, obwohl die gleiche Sehne verwendet wurde und es keine Begleitverletzungen gibt? Z.B. Manche haben Vollbelastung nach zwei, andere erst nach vier Wochen.

Prof. Dr. med H. Pässler: Die Nachbehandlungspläne haben sich eigentlich in den letzten Jahren recht angeglichen. Nur hängt die Nachbehandlung, insbesondere die Frage, wie früh man belasten darf, von einigen Faktoren ab, die dem Patienten meist nicht so bewusst sind. So muss nach einer Meniskusnaht im Rahmen einer Kreuzbandersatzoperation das Knie bis zu 6 Wochen teilentlastet werden. Gleiches gilt für die Knorpelchirurgie wie die Mikrofrakturierung im Rahmen einer Kreuzbandoperation oder zusätzliche Bandverletzungen. Letztlich muss jede Rehabilitation à la carte geplant werden.

4.) Wann kann ich frühestens nach einer vorderen Kreuzbandplastik wieder Fußball (Nicht-Profi) spielen?

Prof. Dr. med H. Pässler: Man sollte sich 9 Monate Zeit lassen, um sicher zu sein, dass das Transplantat auch belastungsstabil geworden ist. Ein Beitrag zur Ergänzung zum Thema „Fußball und Kreuzbandriss„.

5.) Patient (35 Jahre, sportlich) mit mehr als sieben „missglückten“ Knieoperationen (u.a. VKB und HKB-Plastiken). Weiterhin Instabilität und Schmerzen, da beide Plastiken elongiert. Jetzt „traut“ sich kein Arzt mehr an das Kniegelenk – Was würden Sie empfehlen?

Prof. Dr. med H. Pässler: In einem solchen Fall muss der Patient sich damit abfinden, dass er Sport mit Ausnahme von Kraulschwimmen und Radfahren nicht mehr machen kann. Weitere Operationen sollten unterbleiben.

Update: Der Patient hat trotz der gegenteiligen Empfehlung einen weiteren Versuch einer Kreuzband-OP unternommen. Inzwischen hat er sein hinteres Kreuzband sehr erfolgreich mit einer Healing Response „gerettet“ (Update 2016). Das vordere Kreuzband wird er im Jahr 2017 mit der All Press Fit Technik ersetzen.

6.) Sind anhaltende und überstarke Schmerzen nach einer Kreuzbandriss-OP ein Zeichen für Arthrofibrose? Kann es sein, dass nach einer sehr starken Schmerztherapie (Morphin, Opiate und Periduralanästhesie) eine Antidepressiva Therapie hilft, den Schmerz im Knie zu nehmen?

Prof. Dr. med H. Pässler: Sollte es sich zeigen, dass es sich um eine beginnende Arthrofibrose handelt – der Chirurg sollte das beurteilen können -, würde man die Krankengymnastik sehr vorsichtig durchführen und eine Kortisontherapie mit Tabletten nach einem bestimmten Schema einleiten. Eine antidepressive Therapie ist nur bei langdauernden chronischen Schmerzzuständen in Erwägung zu ziehen. Weitere Informationen zum Thema „Arthrofibrose und Therapie„.

 7.) Wann sollte ein teilrupturiertes Kreuzband operiert werden? Wann nicht?

Prof. Dr. med H. Pässler: Ein teilrupturiertes Kreuzband wird in aller Regel bei normalen Sportlern nicht operiert. Man macht eine sinnvolle Physiotherapie mit dem Ziel, die Muskulatur zu kräftigen und die Koordination wieder ins Lot zu bringen. Lediglich bei Hochleistungssportlern und in speziellen Berufen wie Feuerwehrmann, Polizist, Bauarbeiter auf Gerüsten kann man nach sorgfältiger klinischer Prüfung eventuell eine Kreuzbandoperation mit Einziehen einer Sehne durchführen.

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8.) Stationäre/ambulante Reha-Maßnahmen werden häufig abgelehnt. Stattdessen wird zu Krankengymnastik und Reha-Sport (beides zeitlich limitiert durch Vorgaben der Krankenkasse und Budget des Arztes) geraten. Ist das aus fachärztlicher Sicht eine vertretbare und erfolgversprechende Alternative?

Prof. Dr. med H. Pässler: Das ist durchaus eine Alternative. Studien haben gezeigt, dass sogar eine angeleitete selbsttätige Heimtherapie durchaus zu ähnlich guten Ergebnissen führt wie eine ambulante Rehaphase oder gar eine stationäre.

Weitere empfohlene Übungen zur Reha nach dem Kreuzbandriss – E-Books.

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