Erfahrungen konservative Therapie nach Kreuzbandriss

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Die Frage nach der optimalen Therapie für Patienten mit Kreuzbandrissen beantworten Experten nach wie vor unterschiedlich. Das stellt für viele Betroffenen nach vorderen Kreuzbandrupturen ein Problem dar. Wer hat Recht? Wem soll man seinen Glauben schenken? Anscheinend gibt es eine Reihe von Argumenten, die für eine Kreuzband-OP aber auch einige, die gegen eine Knieoperation sprechen.

Einen solchen Fall schildert die Knie-Geschichte eines Bloglesers. Vielen Dank.

„Ihr Knie gefällt mir eigentlich“ – konservative Behandlung

Meine persönliche Leidensgeschichte mit dem Knie begann vor drei Jahren beim Fußball. Nach einem völlig harmlosen Pass aus voller Drehung knackte es für mich deutlich hörbar und ich hatte sofort starke Schmerzen im Knie. Ich humpelte nach Hause, musste das Kniegelenk aber die kommenden Tage schonen. Nach dem Besuch bei meinem Orthopäden stand das MRT an. Die Diagnose: Kreuzbandanriss (Teilruptur) und ein leichter Schaden am Innenmeniskus. Meinem Kniespezialisten aus Berlin (ein absoluter Fachmann) „gefiel“ mein Knie auf den Bildern, und er riet mir, es zunächst konservativ zu probieren. Lachmann-Test etc. fielen alle negativ aus.

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Spielte wieder Fußball – mit angezogener Handbremse

Nach einigen Wochen intensiver Physiotherapie konnte ich wieder schmerzfrei Joggen und auch Fußballspielen, allerdings mit einer Knie-Bandage und stets „angezogener Handbremse“. Um einen muskulären Ausgleich zu schaffen, war ich fortan regelmäßig ein bis zweimal in der Woche im Fitnessstudio zum Krafttraining.

Dennoch fiel mir auf, dass ich ein wenig den Spaß am Fußballspielen verloren hatte. Ich zog in bestimmten Situationen zurück und spielte schlichtweg schlechter als vorher. Zudem folgten regelmäßig neue Knieverletzungen. Ich „vertrat“ mich hin und wieder oder es trat ein leichtes „Knacken“ im Knie bei einem Richtungswechsel auf. Insgesamt folgten in den nächsten Jahren drei weitere MRT-Untersuchungen. Während dieser Zeit hielt ich die konservative Behandlungsstrategie aufrecht.

MRT ersetzt keinen operativen Blick ins Kniegelenk

Konservative Behandlung nach Kreuzbandriss

Konservative Behandlung nach Kreuzbandriss | Foto: knie-marathon.de

Nach der Konsultation eines weiteren Kniespezialisten habe ich mich für eine Kreuzband-OP mit der Semitendinosus-Sehne entschieden. Direkt nach dem Aufwachen informierte mich der Chirurg, dass mein Kreuzband komplett gerissen und auch der Innenmeniskus massiv lädiert war, so dass viel weggeschnitten werden musste.

Jahrelang erkannten die Mediziner, die Schwere meiner Knieverletzung mit allen bildgebenden Verfahren nicht. Meine Bemühungen konservativ das Kreuzband zu behandeln, waren umsonst. Der Schaden, insbesondere im Innenmeniskus ausgeprägter, als kurz nach der Verletzung im Knie.

Konservative Behandlung in meinem Fall nie wieder

Aktuell bin ich nach knapp drei Monate post OP und mitten in der Kreuzband-Reha. Bis auf die ersten vier Wochen an Krücken und kleineren Rückschlägen bin ich rundherum positiv gestimmt. Natürlich wird noch einige Zeit vergehen, bis ich wieder Fußball spielen kann. Aber selbst, wenn das nicht mehr klappen sollte: Mit einem „angerissenen“ oder gerissenen Kreuzband hätte ich mir ohne OP kontinuierlich das Kniegelenk weiter kaputt gemacht und würde in ein paar Jahren mit Arthrose kämpfen. Was mich am meisten freut: Der Spaß am Sport ist zurück. Jede kleine Steigerung beim Krafttraining oder eine längere Fahrt mit dem Fahrrad bringen mich weiter zu meinem Ziel: Wieder topfit auf dem Platz stehen und bedenkenlos Vollgas zu geben.

Als Hobby-Fußballer begleiten einen kleinere und größere Verletzungen die gesamte Karriere. Auffällig für mich ist, richtig schmerzhaft und langwierig wird es häufig erst gegen Anfang 30 und dem Start ins Berufsleben. Zweimal munter Kicken in der Woche auf Kunstrasen und am besten zum Trainingsstart erst einmal beherzt auf das Tor „gebolzt“ fordert irgendwann den Tribut. Wenn ernsthafte Verletzungen, bei mir am Meniskus und am Kreuzband, auftreten, hilft nach meiner Erfahrung nur eine Operation – sofern man die „Tausendfüßler“ noch nicht an den Nagel hängen will.

Kreuzbänder immer sofort operieren

Wenn sich die Aussagen der Ärzte unterscheiden und das MRT keinen eindeutigen Hinweis liefert. Auf Basis, welcher Kriterien soll sich dann ein Patient für oder gegen eine Kreuzband-OP entscheiden?

  1. Der Patient muss die Entscheidung zusammen mit dem Kniespezialisten treffen.
  2. Betroffene sollten bei dem Thema: „Pro oder kontra Kreuzbandriss-OP“ mehrere medizinische Meinungen einholen.
  3. Keine vorschneller Entscheid; die Kreuzband-OP ist kein Notfall.
  4. Bei der Frage: „Ja oder nein zur Kreuzband-OP“ spielen zahlreiche Faktoren eine wichtige Rolle:
    1. Begleitverletzungen (insbesondere Meniskus und Knorpelschaden)
    2. Instabilitätsgefühl im verletzten Kniegelenk (Wichtig, wenn das Kniegelenk abgeschwollen ist!)
    3. Berufliche Situation
    4. Sportlevel und Sportart
    5. Wünsche und Erwartungen für die Zukunft
  5. Teilweise das Alter oder gesundheitliche Einschränkungen bzw. Risiken (z.B. eine bekannte Arthrofibrose).

Wichtige Fragen – konservative Therapie nach Kreuzbandriss

Im Gespräch mit dem behandelnden Arzt, gilt es zu klären:

  • Wie ist der natürliche Verlauf meiner Knieverletzung ohne Operation (in sechs Monaten, nach einem Jahr und in 20 Jahren)?
  • Worin besteht für mich der konkrete Vorteil der empfohlenen Behandlung?
  • Hat die empfohlene Behandlung Nachteile? Falls ja, was bedeuten sie für mein Sport, Beruf, Zukunft?

In der Realität ist es oft so, dass viele konservativ behandelte Patienten wieder gut zurechtkommen aber nicht wenige reduzieren auch ihre sportliche Aktivität und weichen auf „knieschonende“ Sportartenarten aus. Viele der Patienten erreichen nicht dauerhaft ihre volle Funktionsfähigkeit wie vor der Knieverletzung. Allerdings trifft das auch auf die am Kreuzband operierten Patienten zu [1].

Ergebnisse zeigen, dass man weder pauschal von einer Kreuzbandersatzplastik abraten noch unreflektiert befürworten sollte. Weitere Informationen zu Thema „Kreuzbandriss und wenig Kniebeschwerden bzw. konservative Therapie nach Kreuzbandriss„.

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Ausnahme Meniskusverletzung und Knorpelschaden

Wenn neben dem gerissenen Kreuzband auch eine Meniskusverletzung vorliegt, ist ein chirurgisches Vorgehen angebracht. Beide Menisken erfüllen wichtige Pufferfunktionen im Kniegelenk, die es unter allen Umständen zu retten gilt. Ähnliche Ansichten treffen in letzter Zeit auch vermehrt auf Knorpeldefekte zu. Der Artikel „Arthroserisiko mit und ohne Kreuzband“ legt die Fakten dar, ob eine Kreuzband-OP tatsächlich das Risiko für Arthrose im Kniegelenk reduziert. Außerdem geht der Beitrag auf weitere Empfehlungen ein, ob eine operative oder konservative Behandlung (bei Zusatzverletzungen) angebracht ist.

Quelle:
Adern CL, Tayler NF, Feller Ja, Webster KE 2014, Fifty-five per cent return to competitive sport following anterior cruciate ligament reconstruction surgery: an updated systematic review and meta-analysis including aspects of physical functioning and contextual factors. Br J Sports Med. 2014 Nov; 48(21):1543-52.

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